Feb 04 2012
Häusliche Gewalt: Ein Tatort liefert die Einführung
Ein Hauch des Entsetzens läuft durch die Gesellschaft, wenn die Medien einmal wieder darüber berichten, dass Kinder missbraucht und misshandelt wurden, jugendliche Schläger scheinbar veranlassungslos auf andere einprügeln, über Inzestfälle etc.
Das sollte Grund genug sein, auch diese zunächst gesellschaftlichen Probleme einmal aufzugreifen, zumal diese auf der juristischen Seite erhebliche Probleme mit sich bringen.
Seit einiger Zeit strahlt die ARD neben dem sonntäglichen Tatort oder Polizeiruf 110 und diversen Wiederholungen in den Dritten Programmen am Freitag abend ab 21.45 h ältere Tatort-Folgen aus, so auch gestern den “Schwarzen Peter”.
Wie ziemlich schnell ersichtlich wird, ermitteln die Leipziger Tatort-Kommisare Eva Saalfeld und Andreas Keppler im Dunstkreis “häuslicher Gewalt”.
Die Frau des Mordopfers wirkt seltsam. Auf den ersten Blick noch seltsamer reagieren die drei erwachsenen Kinder: Die Krankenschwester, die keine Träne zu vergießen gedenkt und über das Mordopfer, ihren Vater, sagt: Die einzige Autorität die der Vater besessen hätte, sei die gewesen, wenn er brüllte!
Und damit ist man mitten drin im Thema “häusliche Gewalt”: Ein Mensch der sich des Brüllens bedient, um sich durchzusetzen und Autorität zu verschaffen!
Einerseits bedient auch dieser Tatort ein Klischee: Der Mann ist der Täter, die Frau ist das Opfer!
Doch vor allem die Kommisarin Saalfeld begehrt unmittelbar auf und hat damit vollkommen Recht: Das ist das Klischee, der Stereotyp, aber keineswegs die Wirklichkeit. Von häuslicher Gewalt sind auch vielfach männliche Opfer betroffen.
Dieser Tatort, weshalb er hier auch aufgegriffen wird, bricht abgesehen von der Grundkonstellation in jeder Form mit dem Klischee und geht in jeder Weise darüberhinaus. Mit erstaunlicher Feinfühligkeit steigt der Film in das ein, was die Komplexität und das ausmacht, was man nur als Teufelskreis bezeichnen kann. Der Film beschränkt sich gerade nicht auf den Focus von Täter und Opfer, wer das nun genaugenommen auch sein mag, sondern zeichnet vor allem die ganze Kathastrophe, die sich für eine ganze Familie daraus ergibt.
Da ist eben nicht nur der Täter und sein Opfer. Es sind da drei Generationen: Der Täter, das Opfer, drei erwachsene Kinder und das Enkelkind.
Und schon mit dem Täter, dem Mordopfer, wird in jeder Form, das Klischee zurückgelassen:
Es geht nicht um den saufenden und arbeitslosen Typen im Feinrippunterhemde, der seine Frau verprügelt, wenn ihm danach ist, Ende der Fahnenstange!
Das Mordopfer ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, in Wohlstand mit einer vordergründig heilen Familie.
Wie sich herausstellt, ist er aber nicht nur erfolgreich, sondern auch despotisch und tyrannisch, ein Unternehmer, der meint, mit Geld alles durchsetzen zu können, im Betrieb, für den Betrieb und in der Familie.
Die Frau wirkt unscheinbar, konfus und verzweifelt nach dem Tod ihres Mannes. Spricht davon, was er wünschte, was er ihr an kostbaren Geschenken machte, wie normal ihr Eheleben war.
Tochter I, die Krankenschwester, weint dem Vater keine Träne nach, wirkt konsterniert über die scheinbare Trauer der Mutter und wirft ihrer Mutter wütend die drei Therapien vor, die erforderlich waren, um ein halbwegs normales Leben mit deutlichem Abstand zum Elternhaus zu führen.
Der Sohn, der mit 18 die Flucht aus dem Elternhaus ergriffen hat, erscheint als der “Normalste” von den drei Kindern. Erst zum Schluss stellt sich heraus, dass er die Abwesenheit des Vaters nutzt, um seiner Mutter, die er als eingesperrt betrachtet, etwas schönes zu bieten und mit ihr Ausflüge in Vaters Auto unternimmt.
Tochter II mit Kind indessen bedient in gewisser Weise das Klischee. Sie lebt in einer vermeintlich heilen Welt mit Mann, Kind, Haus und Hund. Aber der Mann verprügelt sie, sie und das Kind leiden, nach außen hin, versucht sie sich für die Ausbrüche des Mannes verantwortlich zu machen und seine Ausbrüche zu vertuschen. Sie wiederholt das Lebensschema ihrer Mutter, mit der sie im Klintsch liegt.
Als die beiden Kommisare nach Dienstschluss zusammensitzen, greift Keppler unmittelbar das Kernproblem und damit die Gesamtkomplexität bei Häuslicher Gewalt aus psychologischer Sicht auf:
Häusliche Gewalt liegt bereits vor, wenn sich der Täter einer Reihe von Verhaltensweisen und Äußerungen bedient, die darauf abzielen, den anderen herabzusetzen, ihn in seinem Wesen zu verneinen. Es handelt sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher, sondern um ein bestimmtes Verhalten in der Partnerschaft. Man verneint den anderen, degradiert ihn zum Objekt. Ziel eines solchen Vorgehens ist es, den anderen zu unterwerfen und zu kontrollieren und dabei selbst die Macht zu behalten, wie die französische Psychotherapeutin und Opferkundlerin Marie-France Hirigoyen seelische Gewalt definiert.
Für Psychologen steht fest, dass Kinder erheblich unter der mittelbar erlebten Gewalt gegen einen Elternteil leiden und damit direkte Opfer von Gewalt werden.
In dem Film wird darauf in mehrfacher Weise angespielt: Das Enkelkind Lina, das Agression an ihrem Hund auslässt und vollkommen überfordert ist, als die Mutter mit vielfachen Verletzungen und eingeschlossen in der Wohnung liegt.
Aber auch die drei erwachsenen Kinder in dem Film, sollen das aufzeigen: Tochter I: 3 Therapien; Tochter II: Setzt in ihrer Paarbeziehung das fort, was die Eltern ihr vorgelebt haben; der Sohn scheint ein vordergründig normales Leben zu führen, von einer Partnerschaft erfährt der Zuschauer nichts, aber ob man sein Schutzverhalten gegenüber der misshandelten Mutter wirklich als normal bezeichnen kann ??
Und das ist das über die eigentliche Dramatik hinausgehende Problem: Selbst wenn sich die Täter nicht auch an ihren Kindern vergreifen, geht das alles andere als spurlos vorüber. Der Tatort bedient gerade nicht das Stereotyp, weil der Sohn nicht zum Täter wird, sondern auf die Folgen bei den beiden Töchtern focusiert.
Feststeht für die Psychologie indessen, dass mit dem Gewalterleben als Kind eine Prädestinierung für Gewalt in der späteren Paarbeziehung einhergehen kann, als Opfer oder als Täter.
Tochter II hat das Verhalten ihrer Mutter übernommen: Sie ist Opfer, verhält sich entsprechend, kaum in der Lage das zu durchbrechen und hierauf soll die Unstimmigkeit zu ihrer Mutter wohl auch anspielen, der Zuschauer erfährt es nur indirekt.
Tochter I hat wohl den Kampf gegen die Opferrolle der Mutter aufgenommen, aber um welchen Preis?
Deutliche Distanz zum Elternhaus und drei Therapien, ein Partner tritt nicht in Erscheinung, aber umso mehr Wut und Verbitterung.
Die Lösung des Mordfalls erscheint irgendwie in den Hintergrund getreten zu sein und die kurze und bündige Auflösung fast als Verharmlosung eines Mordes. Und doch ist es das Gegenteil!
Nach einem erfolglosen Selbstmordversuch der Mutter, den Tochter I als Unvermögen der Mutter, ohne ihren misshandelnden Mann leben zu können, deutet, wird die Mutter, die bis zuletzt verweigert der Realität darüber ins Auge sehen zu können, des Mordes an ihrem Mann überführt. Ihr Sohn hat ihr geholfen, die Leiche zu beseitigen.
Doch sprechen die Worte der Mutter, als sie überführt wird, Bände:
“Lieber ein Leben im Gefängnis, als ein Leben mit ihm!”
Hier wird kein Mord verharmlost und die Mutter entzieht sich auch nicht der Verantwortung: Sie ist sich der Folgen und Schwere ihrer Tat voll und ganz bewusst.
Umgekehrt zeichnet sich aber vor allem auch folgendes Bild: Das Bild einer über Jahrzehnte misshandelten Frau, die es in der eigenommenen Opferrolle, nicht anders schaffte, sich von ihrem Misshandler zu lösen - und das ist gar nicht so selten - als durch dessen Tod.
Das Grauen der ganzen Familie wird in dem Film offenbar, durch welche Hölle muss aber die Mutter gegangen sein, wenn ihre einzige Auflösung in dem Tod des Mannes und Gefängnis für sie liegt.









